„Die Praxis kann sehr viel von der Wissenschaft lernen"

Stifter Dr. h. c. Günter F. Thiele im Interview über die Kommunikationspraxis gestern und heute, das sich wandelnde Kommunikationsverständnis und was er jungen Berufseinsteigern ans Herz legt.

Sie haben viele Jahre in der Praxis gearbeitet – wie kam es dazu, dass Sie sich für die wissenschaftliche Ausbildung im Bereich Public Relations engagierten?

  • Das Thema Nachwuchs hat mich bereits während meiner Agenturzeit sehr beschäftigt, da es häufig an qualifiziertem Personal mangelte. Deswegen hatten wir damals schon eine eigene Trainee-Ausbildung angeboten. Nach dem Ende meiner beruflichen Karriere hatte ich endlich Zeit, mich mit der Ausbildung im Bereich PR eingehender zu beschäftigen. Anlässlich eines Besuchs in Leipzig kam ich mit Prof. Dr. Günter Bentele ins Gespräch über die Nachwuchs-Probleme der Branche. Damals wurde die Idee für eine „Stiftung zur Förderung der Public Relations an der Universität Leipzig (SPRL)“ geboren. Diese Stiftung sollte nicht nur die Ausbildung von Fachkräften, sondern auch die weitere wissenschaftliche Ausrichtung und Neuorientierung des Fachbereichs unterstützen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Akademische Gesellschaft, die aus genau dieser Idee hervorgegangen ist.

Was kann die Praxis von der Wissenschaft lernen und die Wissenschaft von der Praxis?

  • Wissen Sie, andere Branchen haben ihre theoretischen Grundlagen – Juristen zum Beispiel oder Naturwissenschaftler. Nur wir PR-Leute nicht. Während meiner Agenturzeit ist mir immer wieder aufgefallen, dass in Diskussionen über Maßnahmen oder Konzepte rein subjektiv argumentiert wurde: „Dieses finde ich gut oder jenes finde ich nicht gut.“ Wir PR- Leute brauchen aber neben subjektiven Einschätzungen auch eine theoretische und wissenschaftliche Basis, deren Entwicklung glücklicherweise in den letzten Jahrzenten stark vorangebracht wurde. Aber auch die Forschung braucht zur Planung und Orientierung das Feedback aus der Praxis. Gute Beispiele dafür sind Forschungsprojekte wie der European Communication Monitor oder Value Creating Communication.

Wenn Sie einmal zurückblicken: Wie hat sich die Profession verändert?

  • In den letzten Jahrzehnten hat sich der Fachbereich gravierend verändert. Viele definieren leider noch immer die Ziele von Öffentlichkeitsarbeit als „Tue Gutes und rede darüber!“ Dabei wissen wir heute, dass es nie der richtige Ansatz war, nur eine Seite einer Sache herauszustellen. Glaubwürdige Öffentlichkeitsarbeit muss immer das Ganze sehen und vermitteln. Heutzutage werden der Aufgabenbereich und das Wirkungsfeld von Public Relations viel umfangreicher gesehen. PR haben sich von der ursprünglichen reinen Presse- und Medienarbeit zur Gestaltung einer umfassenden Kommunikationsfunktion gewandelt, die sich auch an wirtschaftlichen Aspekten orientiert. Öffentlichkeitsarbeit ist heute das strategisch geplante Management von Kommunikationsprozessen von Unternehmen, Organisationen und Personen mit den jeweiligen Teilöffentlichkeiten.

Was würden Sie den Berufseinsteigern von heute mit auf den Weg geben?

  • Über diese Frage habe ich oft mit jungen Mitarbeitern gesprochen. Bei den damals 170 Mitarbeitern in unserer Agentur musste ich häufig neue Mitarbeiter einarbeiten. Kommunikation ist immer im Sinne einer Dienstleistung zu verstehen: Es gibt einen Absender und einen Empfänger. Daher bilden Professionalität, Systematik und Glaubwürdigkeit die Grundlage jeder Kommunikation. Zur konkreten Durchführung gehören zusätzlich Fleiß, Bescheidenheit und auch eine gewisse beraterische Demut.

Welche Vision haben Sie für die Günter-Thiele-Stiftung für die nächsten Jahre?

  • Insbesondere gilt es, die bisherigen Arbeiten am Institut für KMW an der Universität fortzuführen, sie zu verstetigen und weiter auszubauen. Der Stiftungszweck wird verwirklicht durch mehrere Initiativen. Neben anderen erfolgreichen Projekten ist die Organisation und Projektträgerschaft der Akademischen Gesellschaft dabei die bekannteste und erfolgreichste. Die Günter-Thiele Stiftung ist für mich mein Haupterbe, ich habe keine direkten Nachkommen. Deswegen freue ich mich, wenn ich einen Teil meines Vermögens im Einverständnis mit meiner 2013 verstorbenen Frau Anita Thiele für die Ausbildung des Nachwuchses und vor allem für die Weiterentwicklung von Forschung und Ausbildung im Public Relations-Bereich übermitteln kann.